
Seit einigen Tagen liegt auf meinem Tisch der SchoolNetGuide Nr. 11 «Das soziale Internet». Seit kurzem ist er auch als PDF zum Download bereit oder kann bei der Swisscom bestellt werden. Dies nehme ich zum Anlass einmal über meine Mitgliedschaften in Sozialen Netzwerken nachzudenken. Wie immer soll aber dann auch noch der eine oder andere Gedanke an die Schule “verschwendet” werden … zum Beispiel welche Potenziale bieten Soziale Netzwerke und mit welchen Gefahren müssen wir umgehen lernen (und vor allem auch unsere Schüler)?
Meine mehr oder weniger genutzten Social Networks sind die folgenden: Facebook, Last.fm, del.icio.us, meinVZ (hervorgegangen aus studiVZ), XING, LinkedIn und klassenfreunde.ch. Eben gerade habe ich beschlossen, dass ich nicht 3 Soziale Plattformen “bewirtschaften kann. Konsequenz daraus, mein meinVZ-Account wurde gelöscht, nachdem ich ihn vor einem Monat aus einem studiVZ-Account erstellt hatte.
Nach der zufälligen Lektüre zweier Artikel aus dem Tagesanzeiger mein Arbeitskollege hat bereits den «Artikel Schulen verschlafen den Web 2.0-Trend» diskutiert und sich stark an das Thema seines vor einem Jahr gehaltenen Vortrages «Medienpädagogik – vom Dornröschenschlaf der Pädagogik» erinnert gefühlt.
Der zweite Artikel behandelt die Plattform NetLog, welche bei den 12 – 17-jährigen rege genutzt wird. Er beschreibt schon fast anarchische zustände: «Mädchen präsentieren sich in lasziven Posen, gegenseitige Beschimpfungen gehören zur Tagesordnung, Mitschüler werden gemobbt, Lehrer schlecht gemacht. Es ist die Rede von Kindern die angezeigt werden. Diese beiden Artikel stimmen mich nachdenklich und ich habe beschlossen, mich etwas intensiver mit dieser Thematik auseinander zu setzen. Dabei habe ich noch eine Publikation zu diesem Thema gefunden und bestellt und erhoffe mir noch weitere Einblicke und Anregungen zu dieser Thematik…
Der Reiz des sozialen Netzwerks
Die Aussage des SchoolNetGuides «… die Net Generation will etwas tun (Content produzieren) anstatt etwas gesagt bekommen …» trifft wohl zu.
Der Wunsch eigene Ideen einzubringen wächst bei Jugendlichen, sie wollen eigene Inhalte schaffen und an der “Welt” teilhaben (hier lässt sich meiner Ansicht nach auch der Botellon als Beispiel nennen), dies halt auf eine etwas andere Weise als ihre Eltern dies taten. Heute haben Jugendliche auf Grund der veränderten Gesellschaftstrukturen und somit auch der Erziehung ein grösseres Selbstbewusstsein (oder eben ein zu geringes – “Ich kann nichts, ich bin nichts”) und sind neugierig. Sie suchen nach eigenen Räumen, welche ihnen als Experimentierfeld für soziale Experimente dienen, welche ihnen weder die Schule noch das Elternhaus bieten können oder wollen … das Internet mit seinen schier unbegrenzten Möglichkeiten erscheint vielen als die Plattform für solche Zwecke.
Ihr Sozialkapital – das Netzwerk von Interessenverwandten – stiftet Identitästfindung und bietet die Gelegenheit soziale und gesellschaftliche Tätigkeiten auszuprobieren. Die Hemmungen sind nicht so gross, Kontakte können einfach geknüpft im Gegenzug mit einem Klick aber auch wieder beendet werden. Durch das gebündelte Wissen der Community und den alltäglichen Umgang mit neuen Medien entwickeln sich Jugendliche zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit zu Experten in einem wichtigen Gebiet – der (digitalen) Informationsgesellschaft. Lehrpersonen und Eltern sind nicht mit dem Medium Internet gross geworden und hegen zum Teil recht grosse Berührungsängste. Wahrscheinlich gerade wegen der Unwissenheit.
Die Selbstverständlichkeit mit der sie konsumieren und produzieren und die Tatsache, dass sie selber die Experten und Expertinnen sind, ist wohl ein Grund für die beobachtete Problematik. Schliesslich sollten Expertinnen und Experten lehren wie man richtig, d.h. verantwortungsvoll mit einem Medium umgeht , doch weder die Eltern noch die Lehrpersonen wollen oder können diese Rolle übernehmen.
Die Jugendlichen sind sich schlicht weg nicht bewusst, welche Konsequenzen ihr Handeln hat. Dass Beschimpfungen in einem halböffentlichen Raum problematischer sind, als wenn ich das mündlich unter Kollegen mache, dass so eventuell sogar eine Straftat vorliegt, dass Informationen jeglicher Art in die falschen Hände gelangen könnten und einmal im Internet veröffentlicht nur schwer (oder eher gar nicht mehr) zu löschen sind.
So formuliert ein Kommentator des Tagi-Artikels: «Das Problem sind nicht die Jugendlichen auf NetLog, sondern dass wir sie damit alleine lassen …»
In der letzten Zeit habe ich beobachtet wie sich Lehrpersonen verhalten. Mein Fazit: Die älteren Semester kennen sich gar nicht aus in dieser Welt (und wollen dies auch gar nicht; nach dem Motto “möglichst alles sperren und filtern, wozu haben wir denn sonst diese Einrichtungen”). Sie können diese Expertenrolle also nicht übernehmen.
Das verblüffende sind aber die Lehrpersonen in meinem Alter (Studienabgänger/innen). Sie gehen ähnlich sorglos mit den neuen Medien um wie das deren Schüler tun. So findet man z.b. auf Facebook unzählige Bilder und Aussagen von Junglehrpersonen, welche wohl nicht ganz, aber doch ähnlich exhibitionistisch mit ihren Daten umgehen wie ihre Schüler und Schülerinnen. Können die Experten werden?
Unterricht
Eigentlich müssten diese neuen Möglichkeiten in den Unterricht aufgenommen und deren Chancen aber auch die Grenzen aufgezeigt werden, doch anstatt das Wissen und die Motivation der Schüler zu nutzen und sie so auch zum Nachdenken über Chancen und Gefahren dieser Plattformen anzuregen, werden diese aus dem Unterricht verbannt, Schulnetzwerke werden abgeriegelt, Contentfilter verschärft.
LernenDie neue Generation lernt als Folge des hohen Medienkonsums (da war doch vorher die Rede von produzieren …?) anders. Auswendiglernen und Repetieren von Schulstoff sei nicht mehr Zeitgemäss heisst es im SchoolNetGuide. Vielleicht müssten die Lehrer ihren Unterricht wieder einmal überdenken und diese Tatsache berücksichtigen, anstatt sich immer über die lustlosen, unmotivierten und perspektivelosen Jungen zu beklagen. Zudem eröffnen solche Netzwerke auch Zugang zu einem enormen Wissen einer ganzen Community.
Früher hat man in der Schule für das «Leben danach» gelernt, es war handwerklich geprägter Unterricht (Hauswirtschaft, Werken etc.) dessen Inhalte man später im Beruf (Landwirtschaft/Industrie) oder im Alltag brauchen konnte. Unsere Gesellschaft hat sich gewandelt, nun ist das Internet mit all seinen Chancen aber auch Gefahren zu einem Teil unseres Lebens geworden (oder zumindest der jüngeren Generation). Also warum verwehren wir unseren Schülern das Erlernen eines vernünftigen Umgangs mit diesen Medien?
Aufklärung, lernen des richtigen Umgangs, reflektieren, Chancen und Risiken mit Lernenden diskutieren, Verhaltensregeln kennen lernen.
Fragen, welche sich mir als Lehrperson stelle
- Wie reagiere ich wenn ich meine Schüler im Sozialen Netzwerk antreffe?
- Was ist meine Pflicht, den Schülern im Unterricht zu vermitteln?
- Ist es vertretbar, sich als Lehrperson bei einem Sozialen Netzwerk anzumelden, wie dies die Begleitinfos zum SchoolNetGuide vorschlagen, um zu “recherchieren”?
- Welche Möglichkeiten bieten sich, mit Mobbing, Lehrer-Bashing etc. auf solchen Plattformen umzugehen?
- Kann ich als Lehrperson es mir leisten, Informationen auf solchen Plattformen preiszugeben und wenn ja welche?
- Darf man von “älteren” Lehrpersonen erwarten, dass sie sich auf diese neuen Gegebenheiten einlassen (oder akzeptiert man ihre Verdrängungstheorie)?
- Welche Verantwortung haben die Eltern, welche die Lehrpersonen?
Ratschläge
Ein Ratschlag von Mathias Fuchs von der PHZ: «Nicht erst reagieren wenn die Situation eskaliert!»
Als Vorschlag für den Unterricht wird auf der Online-Ergänzung zum SchoolNetGuide folgende Lektionsskizze präsentiert:
- Einstieg ins Thema: Welche Social Networks sind in der Klasse beliebt? Weshalb nutzen die Jugendlichen die Sozialen Netzwerke?
- Fragen Sie Ihre Schüler, ob Sie in der letzten Woche eine Kontaktanfrage von einer unbekannten Person erhalten haben und wie sie damit umgegangen sind (Anfrage abgelehnt, angenommen, Nachricht verschickt,…). Erklären Sie Ihren Schülern, dass Sie hinter dieser Kontaktanfrage stecken. Besprechen Sie die Ergebnisse Ihres Versuchs im Unterricht; Achtung: Vermeiden Sie, einzelne Schüler blosszustellen. Präsentieren Sie eher Zahlen (z.B. 12 von 24 haben nicht reagiert, etc.).
- Stellen Sie gemeinsam mit Ihren Schülern eine Liste auf, welche Angaben nicht auf eine öffentliche Profilseite gehören. Gehen Sie mit Ihren Schülern die Privatsphäre-Einstellungen des in der Klasse beliebtesten Social Networks durch. Legen Sie mit Ihren Schülern fest, welche Einstellungen ein Muss, welche ein Soll und welche ein Kann sind. Fragen Sie Ihre Schüler, ob bzw. welche Regeln Sie in Bezug auf Bekanntschaften in Social Networks kennen. Weisen Sie Ihre Schüler darauf hin, bei reinen Online-Bekanntschaften Vorsicht walten zu lassen. Stellen Sje für die Schüler unmissverständlich klar, dass sie sich nie ohne Begleitung eines Erwachsenen mit Online-Bekanntschaften treffen sollen.