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Comenius’ Didaktikverständnis heute

comenius

Folgende Zitate von Johann Amos Comenius aus der «Didactica Magna – Grosse Didaktik» wurden von mir im Hinblick auf die heutigen Erwartungen an die (Medien)Didaktik kommentiert.

Didaktik ist die vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren

Da muss ich schon das erste Mal intervenieren. Kann es sinnvoll sein, alle alles zu lehren? Muss eine Supermarkt-Angestellte Rohre verlegen können? Muss ein Arzt seine Steuererklärung und ein Gärtner seinen eigenen Blinddarm operieren können? Alle alles zu lehren erachte ich in der heutigen Welt der Spezialisierung als wenig sinnvoll. Meinte er jedoch die Zugänglichkeit von Wissen – jede und jeder soll Zugang zu allem Wissen haben – so sind wir mit neuen Kommunikationstechnologien einen grossen Schritt seinen Bestrebungen gefolgt. Es finden sich Archive und Nachschlagewerke im Internet, welche z.T. mächtiger und besser gepflegt sind als ihrer analoge Konkurrenz. Wir können uns zu Wissens- und Interessensgemeinschaften zusammenschliessen, besser als bisher. Dies bedeutet aber noch lange nicht, dass alle alles wissen können und sollen. Im Unterricht ist mit computer-/ mediengestützten Sequenzen eine gute Möglichkeit zur Binnendifferenzierung gegeben.

Didaktik [...] ist die sichere und vorzügliche Art und Weise, in allen Gemeinden, Städten und Dörfern eines jeden christlichen Landes Schulen zu errichten, in denen die gesamte Jugend beiderlei Geschlechts ohne jede Ausnahme rasch, angenehm und gründlich in den Wissenschaften gebildet, zu guten Sitten geführt, mit Frömmigkeit erfüllt und auf diese Weise in den Jugendjahren zu allem, was für dieses und das künftige Leben nötig ist, angeleitet werden kann.”

Online-Kommunikationsformen bieten, wie bereits erwähnt, vielfältige Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren und verschiedene (Wissens-)Quellen anzuzapfen. So haben alle viele Menschen unabhängig ihres Geschlechts, ihrer Religion oder ihrem sozialen Stand, die Möglichkeit von diesen Informationen zu profitieren. Mit dem OLPC Projekt wird diese Idee, dass alle Menschen Zugang zu Wissen (in dem Fall dem Wissen über und aus dem Internet) haben sollen weiterverfolgt.
Aus meinen eigenen Erfahrungen stelle ich fest, dass Lernende (im Moment noch) durch den Einsatz neuer Medien im Unterricht meist leichter zu motivieren sind.
Im Zusammenhang mit Medien und Computern fällt immer wieder das Stichwort «lifelong Learning» (lebenslanges Lernen), welches ebenfalls von Comenius bereits gefordert wurde und meiner Ansicht nach mit der ständigen und immer schnelleren Weiterentwicklung der technischen Möglichkeiten unumgänglich ist.

[...] worin von allem, wozu wir raten die Grundlage in der Natur der Sache selbst gezeigt; die Warheit durch Vergleichsbeispiele aus den mechanischen Künsten dargetan, die Reihenfolge nach Jahren, Monaten, Tagen und Stunden festgelegt und schliesslich der Weg gewiesen wird, auf dem sich alles leicht und mit Sicherheit erreichen lässt.

Erstes und letztes Ziel unserer Didaktik soll es sein, die Unterrichtsweise aufzuspüren und zu erkunden, bei welcher die Lehrer weniger zu lehren brauchen, die Schüler dennoch mehr lernen.

Im Zusammenhang mit eLearning werden immer wieder konstruktivistische Lerntheorien zugrunde gelegt, in welchen die Lernenden aktiv handeln und die Lehrenden eher als Coach den Lernprozess unterstützen. Die Annahme, mit eLearning den Aufwand für die Lehrenden zu reduzieren kann hier aber keinesfalls bestätigt werden. Allenfalls ist der Aufwand während den Lernphasen geringer (bei optimaler Betreuung der Lernenden aber wohl eher nicht), keinesfalls aber der Aufwand für Konzeption und Aufbereitung der Inhalte im Vorfeld.

Didaktik in 3 Sätzen?

Die (Allgemeine) Didaktik gilt als wissenschaftliche Disziplin, welche das Feld des Lehrens und des Lernens und deren Theorie erforscht. Sie befasst sich mit allen für den Unterricht und das Unterrichten bedeutenden Faktoren sowohl in theoretischen als auch in praktischen Fragen. Dies geschieht mit allen zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Mitteln (auch unter Verwendung “benachbarter” Wissenschaften).

6 Kommentare

  1. Hallo Marc,
    ich fand Deine Ausführungen zur Aktualität von Comenius Ansätzen sehr spannend, außer dass ich nicht wusste, was das OLPC-Projekt ist ;-). Aber da Wissen ja heutzutage schnell zugänglich ist, habe ich gleich noch etwas über das One-Laptop-per-Child-Projekt gelernt ;-).

    Einen sehr interessanten Aspekt finde ich Deine Thesen zu Anfang: Muss ein Gärtner einen Blinddarm operieren können oder ein Arzt eine Steuererklärung erstellen? Die Antwort lautet hierauf sicher: “Nein”.

    Ich sehe aber in Comenius Ansätzen etwas anderes – und Du führst es danach ja auch an: Wenn aber der Arzt wissen möchte, wie eine Steuererklärung zu machen ist, kann er das heutzutage mithilfe von Foren u. Ä. sehr schnell lernen. Und sollte der Gärtner am Blinddarm operiert werden müssen, könnte er – so ich denn noch Zeit hätte ;-) und jemand eine OP beispielsweise bei Wikipedia beschrieben hat – ohne Probleme erfahren, was genau dort mit ihm passiert.

    Und genau das ist meiner Meinung nach das, was Comenius heute noch so zeitgemäß macht: “Wissen für alle” ist aktueller denn je (siehe Google-Books). Ob es allerdings allen gelehrt werden muss, da gebe ich Dir recht, das ist sicherlich heutzutage nicht mehr möglich.

    Viele Grüße
    Christina

  2. Hallo Marc,
    deinen Gedanken zu Comenius’ Ansätzen kann ich gut folgen. Auch meiner Meinung nach gibt es viele Forderungen Comenius’ die heute noch oder gerade heute richtungsweisend sind. Du hast da hauptsächlich aus Sicht der Möglichkeiten die elektronische Medien heute bieten kommentiert. Dies lies die Fragestellung ja auch so zu.

    Bei dem Punkt alle alles lernen zu lassen, kam bei mir auch spontan Kritik auf (s.auch in meinem Blog), aber mittlerweile hatte ich weitere Ideen dazu. Wenn man unter “alles” nicht das Universalwissen versteht, sondern ein vereinbartes – natürlich ein kontinuierlich anzupassendes – Standard- oder Basiswissen versteht – dann könnten wir heute sehr wohl fordern, dass allen zumindest dieses Basiswissen gelehrt wird. Ich glaube, in der Schweiz ist dies nicht so, aber in Deutschland muss das Schulsystem sich die Kritik gefallen lassen, dass die Schüler schon zu früh in der Schullaufbahn auf die weiterführende Schulen aufgeteilt werden. Dies hat zur Folge, dass schon nach 4 Jahren Grundschulzeit die Lehrinhalte schon unterschiedlich werden.

    Viele Grüssse, Andrea.

  3. Hallo Marc,

    …habe eine Anmerkung zu deinen Überlegungen ob sich der Aufwand des Lehrers reduziert. Ich denke nicht, das das Comenius Anspruch war etwas zu tun was weniger Arbeit für Lehrer bringt…ich verstehe das lehren hier im Sinn also blöd gesagt: “eintrichtern” und das will Comenius reduzieren und dafür den Lernen motivieren Lust am Lernen zu haben..Lehren soll sich also verwandel in (wie du auch schon erwähnt hast) Betreuung.

    Grüssle Eva

  4. Lieber Marc,
    ich meine auch, dass nicht alle alles wissen müssen. Wenigstens ich weiß von mir, dass ich nie alles wissen werde. Deshalb könnte ich auch eine Forderung, dass ich alles wissen müsste, nicht erfüllen.
    So verstehe ich Comenius aber auch nicht. Die Überschrift “Die vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren” kann ja auch bedeuten, dass er eine Kunst anstrebt, welche es einer Menge an Lehrern ermöglicht, einer Menge an Schülern alles zu lehren. Damit können sich ja Lehrer und Schüler jeweils auf bestimmte Teilgebiete konzentrieren. Hinterher weiss dann jeder zwar nicht alles, aber alle zusammen wissen dann doch alles.
    Viele Grüße
    Jakob

  5. Hi zusammen

    Die Sache mit dem “Alle alles lernen” ist mir einfach gerade so durch den Kopf gegangen … nach kurzer Zeit kam ich dann aber zu ähnlichen Einschätzungen wir ihr, nämlich dass das Wissen für alle (möglichst viele) Verfügbar sein soll …

    Übrigens freue ich mich über all eure Kommentare … und denjenigen, welche von mediendidaktik.de aggregiert werden, also im OC angezeigt werden, versuche ich auch ab und zu mal einen Kommentar zu schreiben, die andern mögen mir verzeihen, da lese ich den RSS-Feed zwar mit, bin aber meist zu faul, ins Blog zu wechseln und dort zu kommentieren …

  6. Lieber Herr Widmer,
    ein sehr gelungener Beitrag zu diesem Thema. Insbesondere fand ich es gut durchdacht, wie Sie darstellen, dass heutige E-Learningszenarios nicht mit weniger Betreuungs- und Zeitaufwand verbunden sind. – Dies war sicherlich vor einigen Jahren die Idee, als dann anschließend die sogenannte “E-Learning Blase” zerplatzte.
    Viele Grüße
    Julia Kulig

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